Rückblick Nationales Forum Frühe Bildung 2026
Zwischen wissenschaftlichen Impulsen, kontroversen Diskussionen und konkreten Handlungsideen: Das war das 2. Nationale Forum Frühe Bildung vom 16. bis 17. Juni 2026 auf dem Bildungscampus der Dieter Schwarz Stiftung in Heilbronn!
Bildungskrise in der Kita? Qualität gemeinsam weiterentwickeln
Unter dem Titel „Bildungskrise in der Kita? Wie die Qualität in der frühen Bildung gesteigert werden kann“ kamen rund 90 Expert*innen aus Wissenschaft, Praxis, Politik, Verwaltung, Trägerschaft und Zivilgesellschaft zusammen.
Veranstaltet wurde das Forum von der aim – Akademie für Innovative Bildung und Management in Zusammenarbeit mit der Wider Sense TraFo gGmbH.
Im Mittelpunkt stand die Frage, was es braucht, damit die Kita ihrem Bildungsauftrag gerecht werden kann. Der Fokus der zwei Tage lag spürbar auf der Prozessqualität – also auf dem, was Kinder im pädagogischen Alltag tatsächlich erleben: Beziehungen, Interaktionen, Beteiligung, Sicherheit und individuelle Unterstützung.
Dabei wurde die Perspektive in der Debatte entscheidend verschoben: weg von der ausschließlichen Betrachtung von Personalschlüsseln und Rahmenbedingungen, hin zur Frage, wie Bildungsprozesse tatsächlich wirken. Beziehungsgestaltung ist und bleibt das Fundament und die Voraussetzung für Bildung überhaupt.
Gleichzeitig lässt sich gute Prozessqualität nicht von den strukturellen Bedingungen trennen. Qualifizierte Teams, kompetente Leitungen, verlässliche Personalschlüssel, Fachberatung und gute Arbeitsbedingungen sind unverzichtbar. Struktur- und Prozessqualität sind keine Gegensätze, sondern gehören untrennbar zusammen.
Qualität sichtbar machen und Entwicklung ermöglichen
Prof. Dr. Hans-Günther Roßbach eröffnete die fachliche Debatte mit einem wissenschaftlichen Blick auf die Prozessqualität und betonte, wie entscheidend für die Entwicklung der Kinder die täglichen Interaktionen mit den pädagogischen Fachkräften sind.
Auch die Politik war stark vertreten: Bundesministerin Karin Prien nahm in ihrer Keynote die bundespolitische Perspektive in den Blick. Sie betonte, dass frühe Bildung, Schule und Familie stärker zusammengedacht werden müssen. Mit Blick auf das geplante Qualitätsentwicklungsgesetz (QEG) hob sie gemeinsame Ziele, stärkere Bildungsübergänge und eine datengestützte Steuerung hervor.
„Die Qualität in der frühen Bildung ist eine Schicksalsfrage für Deutschland.“, so Prien. Am zweiten Tag setzten der neue Kultusminister des Landes Baden-Württemberg, Andreas Jung und sein Kollege Senator Mark Rackles, mit ihrem Besuch ein weiteres starkes Signal für die Zukunft der Bildungspolitik. Das neue QEG soll spürbare Standards setzen – insbesondere durch eine gezielte Förderung ab 4 Jahren, die Stärkung von Brennpunkt-Kitas und fließende Übergänge zur Grundschule.
Intensiv diskutiert wurde, welche Rolle Daten, Monitoring und Evaluation bei der Qualitätsentwicklung spielen können. Aussagekräftige Daten können blinde Flecken sichtbar machen und Einrichtungen dabei unterstützen, ihre pädagogische Arbeit weiterzuentwickeln. Voraussetzung ist jedoch, dass Evaluation nicht als Kontrolle verstanden wird.
Daten allein verändern noch keine Praxis. Es braucht fachliche Begleitung, konkrete Unterstützungsangebote und Zeit, um Ergebnisse auszuwerten und Veränderungen umzusetzen. Gleichzeitig müssen Verfahren diskriminierungssensibel gestaltet sein und unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen. Auch die Sichtweisen von Kindern und Eltern müssen stärker einbezogen werden.
Gemeinsame Ziele, ohne die Kita zu verschulen
Diskutiert wurde auch, welche Ziele frühe Bildung verfolgen und wie verbindlich diese sein sollten. Entwicklungsbeobachtung, Sprachförderung und ein besser abgestimmter Übergang zwischen Kita und Grundschule können einen wichtigen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit leisten.
Doch mehr Verbindlichkeit heißt nicht, dass das Wohlbefinden der Kinder, das freie Spiel, ihre Beteiligung und ihre individuellen Entwicklungswege zurücktreten müssen. Entwicklungsziele sollen Orientierung geben, ohne Kinder frühzeitig festzuschreiben.
Damit dieser entscheidende Bildungsübergang gelingt, braucht es ein gemeinsames Bildungsverständnis zwischen Kita und Grundschule. Nicht nur die Kita muss Kinder auf die Schule vorbereiten – auch die Schule muss an die unterschiedlichen Erfahrungen und Voraussetzungen der Kinder anknüpfen.
Zudem beginnt Qualitätsentwicklung bereits beim Zugang. Noch immer erreichen frühe Bildungsangebote nicht zuverlässig alle Familien, deren Kinder besonders von ihnen profitieren könnten. Elternarbeit, niedrigschwellige Angebote, mehrsprachige Informationen und Kooperationen im Sozialraum gehören deshalb zwingend in die Qualitätsdebatte.
Die Perspektiven aus Ländern und Kommunen machten deutlich, wie unterschiedlich die Ausgangslagen sind. Während einige Regionen sinkende Kinderzahlen als demografische Chance nutzen können, um die pädagogische Qualität gezielt zu stärken, fehlen andernorts weiterhin Plätze. Hohe Krankenstände, schwierige Haushaltslagen und steigende Unterstützungsbedarfe erschweren die Praxis zusätzlich.
Der Blick über den Tellerrand
Der internationale Impuls von Prof. Dr. Thomas Moser richtete den Blick nach Norwegen. Dort wird Kindheit stärker als eigenständige Lebensphase verstanden. Kinderrechte, Mitwirkung, Wohlbefinden, Spiel und Freude stehen im Zentrum des Bildungsauftrags.
Verbindliche Personalschlüssel, ein hoher Anteil akademisch qualifizierter Fachkräfte und ein großes Vertrauen in die pädagogische Professionalität schaffen einen verlässlichen Rahmen. Die norwegischen Erfahrungen lassen sich nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen. Sie stellen aber wichtige Fragen an das deutsche System: Welche gesellschaftliche Priorität räumen wir der frühen Bildung ein? Wie verbindlich sind Kinderrechte im Alltag? Und welche Bedingungen brauchen Fachkräfte, um gute pädagogische Arbeit leisten zu können?
Die Diskussionen in Heilbronn machten deutlich: Gute frühe Bildung entsteht dort, wo verlässliche Strukturen und eine hohe pädagogische Qualität zusammengedacht werden. Dafür braucht es gemeinsame Ziele, Vertrauen in die pädagogische Professionalität und zugleich eine Qualitätsentwicklung, die auf aussagekräftigen Daten, fachlicher Begleitung und unterschiedlichen Perspektiven beruht.
In den abschließenden Arbeitsgruppen wurden daraus konkrete Handlungslinien abgeleitet: gemeinsame Qualitätsziele verbindlicher gestalten, Evaluationen unterstützend und diskriminierungssensibel ausrichten, Eltern stärker einbeziehen und Zugänge zu früher Bildung verlässlicher schaffen. Auch das Wohlbefinden der Kinder und der pädagogischen Fachkräfte muss dabei zu einem zentralen Maßstab der Qualitätsentwicklung werden.
Neben den fachlichen Debatten bot das Forum viel Raum für persönliche Begegnungen und neue Verbindungen. Beim Abendempfang im Campus Garden wurden die Gespräche des ersten Tages in entspannter Atmosphäre vertieft. Das Gespräch des ZEIT-Journalisten Martin Spiewak mit dem Heilbronner Oberbürgermeister Harry Mergel eröffnete zudem spannende kommunale Perspektiven auf die gesellschaftliche Bedeutung von früher Bildung.
Der Bildungscampus der Dieter Schwarz Stiftung bot erneut einen passenden Rahmen für diesen Austausch: einen Ort, an dem unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen und gemeinsames Weiterdenken möglich wird.
Das 2. Nationale Forum Frühe Bildung hat gezeigt: Das Wissen über gute Qualität ist vorhanden. Die entscheidende Aufgabe besteht nun darin, daraus verbindliche Ziele, tragfähige Kooperationen und konkrete Verbesserungen für den Alltag von Kindern, Familien und Fachkräften zu entwickeln.
Fotos: aim, Jacqueline Eustachi
Ihr Ansprechpartner

Als Strategieexperte und Moderator mit jahrzehntelanger Erfahrung führt Stephan Dorgerloh (er/ihm) Stiftungen wie Unternehmen durch komplexe Prozesse inhaltlichen und organisatorischen Wandels. Als früherer Kultusminister von Sachsen-Anhalt ist er erster Ansprechpartner für unsere Kernthemen Bildung und Demokratie, Kultur und Politik. Nach dem Nationalen Bildungsforum möchte er nun mit dem Nationalen Forum Frühe Bildung der jüngsten Generation jährlich eine Plattform schenken.